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Ein Kommentar Felix Behl, Referatsleiter für Digitalisierung über KI und ihre Auswirkungen auf Schule und Gesellschaft

Thematisieren, verbieten oder schweigen?

Als Hirnforscher Manfred Spitzer 2005 sein Buch „Vorsicht Bildschirm“ veröffentlichte, war Digitalität für viele noch „irgendwas mit Computern“. Spitzer trat als wortgewaltiger Mahner auf, der in der Tradition eines bewahrpädagogischen Weltbildes vor digitalen Medien warnte. Seine Haltung, Bildschirmmedien möglichst lange, am besten bis zur Volljährigkeit, zu meiden oder zu verbieten, war jedoch zunehmend weltfremd angesichts der sich schnell verändernden digitalen Realität.

Heute, zwei Jahrzehnte später, wissen wir: Das Internet ist gekommen, um zu bleiben. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) durchdringen längst alle Lebensbereiche und Generationen. Das Netz ist nicht nur Quelle für das Training von KI-Systemen (z. B. zur Text oder Bilderstellung), sondern füllt sich zunehmend mit KI-generierten Inhalten aller Art.

Es geht nicht darum, KI zu verteufeln oder zu glorifizieren. Wie der Mensch selbst wird auch die KI mit all dem gefüttert, was im Internet zu finden ist – Licht und Schatten inklusive. KIAnwendungen, die komplizierte Sachverhalte verständlich erklären, stehen Missbrauchsmöglichkeiten gegenüber, etwa in Form gezielter Desinformation.

Wenn wir eine demokratische Wissensgesellschaft bleiben wollen, muss das Lernen über und mit KI strukturiert in die Schulen einziehen. Wer erlebt hat, wie einfach sich Bilder per Texteingabe („Prompt“) erzeugen lassen – unabhängig von Wahrheitsgehalt oder physikalischer Grundsätze – erkennt, wie wichtig ein kritischer Umgang mit solchen Inhalten ist. So lässt sich verhindern, dass emotionalisierte Fake- Bilder zur Radikalisierung beitragen.

Gleiches gilt für die Erzeugung künstlicher „Follower“, die zur Normalisierung von Hassbotschaften missbraucht werden können. Da politische Meinungsbildung nicht mehr nur im Elternhaus, sondern immer früher über soziale Medien wie YouTube oder TikTok beginnt, braucht es Medienerziehung bereits ab dem Grundschulalter. Medienerziehung bedeutet an der Stelle ebenso, Kinder eben nicht mit Tablet und Smartphone ruhigzustellen. Wer Desinformation erkennen kann, ist weniger anfällig für Manipulation. KI-Kompetenz stärkt die Resilienz gegenüber Fake News, Deepfakes oder Social Bots und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung.

Auch die klassischen Teilbereiche der Medienkompetenz – „Mediennutzung“ und „Mediengestaltung“ – sind von KI durchdrungen. Bewerbungsunterlagen, die mit KI optimiert wurden, gelten heute als Standard. Wer keine Tools zur Formulierungshilfe nutzt, ist im Nachteil.

Hinzu kommt die berufliche Relevanz: KI-Kompetenz wird zunehmend zur Schlüsselqualifikation. In nahezu allen Berufsfeldern sind Kenntnisse über KI-Systeme, deren Möglichkeiten und Grenzen essenziell. Junge Menschen müssen vorbereitet werden, damit sie als informierte Gestalter der Zukunft auftreten können. Darüber hinaus braucht es ethisches Bewusstsein. Algorithmen sind nicht neutral: Sie können Vorurteile verstärken, Entscheidungen intransparent machen oder diskriminieren. Ethische Bildung im Umgang mit KI ist deshalb unverzichtbar.

Deshalb muss der reflektierte Umgang mit KI-Inhalten fester Bestandteil des Unterrichts werden. Ein Ignorieren oder gar Verbot würde die soziale Kluft zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Familien weiter vergrößern.

Für eine zielführende Medienerziehung braucht es jedoch gut ausgebildete Lehrkräfte. Diese lassen sich nicht durch KI ersetzen – wohl aber bei Routineaufgaben entlasten. Lehrpersonen benötigen Zeit für die Lernbeziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern. Auch hier kann KI unterstützend wirken.