Gerhard Bless 20.11.2020

Positionspapier des ULLV

Schule in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie hat das gesamte Schulpersonal in den letzten acht Monaten sehr gefordert. Die grundlegend veränderte Lehrer-Arbeitszeit im Frühjahr/Sommer 2020 mit Wechsel von Heim- und Präsenzunterricht, mit immer neuen Innovationen und Regeln, mit Notbetreuung und Videokonferenzen, war eine gewaltige Kraftanstrengung für alle Beteiligten. Viel Flexibilität, Kommunikation und pragmatisches Handeln waren erforderlich.

Das setzte sich in den Ferien und zu Beginn des neuen Schuljahres fort. Die Rückkehr zum Präsenzunterricht in voller Klassen- und Gruppenstärke, das Hin und Her mit den Mindestabstandsgeboten und der Maskenpflicht in den Klassenräumen, immer wieder neue Hygienevorschriften, die jedes Mal zu neuen Planungen an den Schulen zwangen und Rechtsunsicherheit entstehen ließen, immer wieder kurzfristige Quarantäne-Anordnungen für einzelne Schüler, ganze Klassen oder einzelne Lehrer, teilweise völlige Schulschließungen für einige Tage, erhebliche Probleme bei der Ersatzbeschaffung von Personal, Einarbeitung von Quereinsteigern aus anderen Schularten, Ein-Fach-Fachlehrern, sog. „Teamlehrkräften“ und „Schulassistenzen“. Die Belastungen stiegen und steigen ständig.

Dabei hat die Corona-Krise erhebliche Schwachstellen in unserem Bildungssystem aufgezeigt. Deutlich wurde die gewaltige Rückständigkeit bei der Ausstattung der Schulen im digitalen Bereich. Vielfach stehen weder schnelles Internet, WLAN noch Lernplattformen oder gar eine Schul-Cloud zur Verfügung. Die meisten Kolleginnen und Kollegen müssen noch immer ihre privaten digitalen Endgeräte und Internet-Anschlüsse einsetzen, um mit den Schülerinnen und Schülern auf Distanz in Kontakt zu treten. Schonungslos offengelegt wurden auch der Lehrermangel und völlig unzureichende hygienische Voraussetzungen an manchen Schulen. Uns Pädagogen machen zudem die von Monat zu Monat immer stärker zu Tage tretenden Nöte der sozial-emotional benachteiligten Schülerinnen und Schüler zu schaffen.

Schließlich zeigt die Pandemie, wie unzureichend die geltenden Raumkonzepte an den Schulen sind.

Und wie soll es nun weitergehen? Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen und die Vorgesetzten auf allen Ebenen der Schulverwaltung müssen sich jetzt auf die Wintermonate konzentrieren und kreative Konzepte festlegen, wie Schule unter den neuen Bedingungen funktionieren kann.

Daneben brauchen wir jetzt dringend die Unterstützung durch verantwortungsvolle Politiker, die nicht ausschließlich das kurzfristige Wirtschaftswachstum im Blick haben und permanent das Infektionsgeschehen an den Schulen kleinreden. Die Kinder und Jugendlichen dürfen nicht bei hohen Infektions- und Erkrankungszahlen ohne Not einem ständig steigenden Infektionsrisiko ausgesetzt werden.

Gleiches gilt für das an den Schulen arbeitende Personal. Dieses hat ein Recht darauf, dass bei seiner Arbeit die Vorgaben des Arbeitsschutzes eingehalten werden und die Vorgesetzten unter Beachtung der Fürsorgepflicht des Dienstherrn handeln.

Für den ULLV steht insgesamt fest: Bei der weiteren Planung des Schulbetriebs im Schuljahr 2020/21 muss der (Gesundheits-)Schutz aller an Schule Beteiligten oberste Priorität haben.

Im Einzelnen fordert der ULLV:

  • Alle Schülerinnen und Schüler sowie alle Lehrkräfte müssen umgehend mit digitalen Endgeräten sowie einem leistungsfähigen Internetzugang ausgestattet werden.
     
  • Dem schulischen Personal sind zur Umsetzung des Gesundheitsschutzes sofort FFP2-Atemschutzmasken zur Verfügung zu stellen.
     
  • Unterrichtsräume und Lehrerzimmer sind schnellstmöglich mit leistungsfähigen Raumluftreinigern auszustatten.
     
  • Für alle Räume sind CO2-Ampeln anzuschaffen.
     
  • Den Einzelschulen ist mehr Mitspracherecht hinsichtlich der an die jeweilige Situation angepassten Verfahrensweisen (Schichtunterricht, Distanz-Lernen, Hybridunterricht etc.) einzuräumen.
     
  • Zusätzlich eingestelltes Personal (Quereinsteiger, Teamlehrkräfte, Aushilfen, Schulassistenzen) muss die absolute Ausnahme bilden und auf die neuen Aufgaben ausreichend vorbereitet und geschult werden. 
     
  • Positive Erfahrungen mit Distanz-Lernen und kleineren Lerngruppen im Präsenzunterricht müssen gebündelt, Best-Practice-Lösungen kommuniziert und über Fortbildungen der Schulleitungen und Lehrkräfte an möglichst vielen Schulen eingeplant werden.
     
  • Die Schulleitungen sind sofort durch die Gewährung zusätzlicher Anrechnungsstunden zu entlasten.
     
  • Veränderungen in den Stundentafeln sowie Flexibilität bei der Ausgestaltung der Leistungserhebungen sind je nach Situation an der Einzelschule zu ermöglichen.
     
  • Lehrer und Schulleiter müssen bei notwendigen Maßnahmen an der Einzelschule die volle Rückendeckung von Seiten der Schulaufsicht erhalten.
     
  • Alle Lehrkräfte müssen zwingend entlastet werden. Es ist z.B. für spürbare Ausgleiche wegen vermehrter Betreuungszeiten, häufigere Überstunden, verstärkte Kooperationsnotwendigkeiten etc. zu sorgen.
     
  • An den Schulen sind dringend multiprofessionelle Teams auf- und auszubauen.

Insgesamt brauchen wir in den kommenden Jahren eine deutliche Priorität für nachhaltige Investitionen in Bildung auf allen Ebenen der Bildungsfinanzierung. Der milliardenschwere Investitionsrückstand bei der Renovierung von Schulgebäuden und bei der Digitalisierung der Schulen muss jetzt sofort aufgearbeitet werden.


(Beschluss des ULLV-Bezirksausschusses, 13.11.2020)

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